Modul 2 · Zuhören und Fragen · Lektion 2.5
Das Gesamtbild erfragen
Wer entscheidet mit, was kennt dein Gegenüber schon, wie geht es intern weiter? So erfährst du das mit wenigen offenen Fragen, ohne dass sich das Gespräch wie ein Verhör anfühlt.
Danach kannst du: mit wenigen offenen Fragen erfahren, was dein Gegenüber schon kennt, wer noch beteiligt ist und wie es intern weitergeht.
Die Situation
- Mira
„Wer entscheidet bei Ihnen über so eine Anschaffung? Gibt es dafür Budget? Und bis wann soll das stehen?“
- Herr Brandt
„Das entscheide ich. Budget gibt es ab Januar.“
Drei Fragen auf einmal, und Herr Brandt antwortet knapp. Sechs Wochen später stoppt die Personalabteilung das Projekt. Sie wurde nie gefragt, und der Betriebsrat auch nicht.
So hätte es besser laufen können
- Mira
„Angenommen, Sie wollen das angehen: Wer müsste außer Ihnen noch draufschauen?“
- Herr Brandt
„Frau Yilmaz aus der Personalabteilung und Herr Wendt fürs Budget. Und bei Schichtthemen redet bei uns immer der Betriebsrat mit.“
- Mira
„Was würde der Betriebsrat wissen wollen?“
- Herr Brandt
„Sicher, was mit den Daten der Leute passiert. Und ob jemand gezwungen wird, Schichten zu tauschen.“
- Mira
„Und was wäre Frau Yilmaz und Herrn Wendt wichtig?“
- Herr Brandt
„Frau Yilmaz will, dass die Leute mitziehen und niemand Mehrarbeit hat. Herr Wendt fragt, was es kostet und was es spart.“
Mira kennt jetzt alle Beteiligten und weiß, was jede Seite fragen wird. Sie kann Herrn Brandt helfen, die Antworten vorzubereiten, bevor jemand Nein sagt.
Dass Mira wissen will, wer entscheidet, ist richtig. Aber drei Fragen auf einmal klingen wie eine Checkliste. Und „Wer entscheidet?“ fragt nach Macht. Darauf antworten viele mit „Ich“, auch wenn andere mitreden.
In der zweiten Version fragt Mira nach dem Ablauf, nicht nach der Macht. „Wer müsste noch draufschauen?“ lässt sich ehrlich beantworten, ohne dass Herr Brandt kleiner wirkt.
Die Idee: Frag nach dem Weg, nicht nach der Macht
In Firmen kauft selten jemand ganz allein. Auch wer offiziell entscheidet, braucht oft Kolleg:innen, die mitziehen. Und oft hat dein Gegenüber schon recherchiert, bevor ihr sprecht. Gartner hat 645 B2B-Käufer:innen befragt. Bei einem Kauf nutzten sie im Schnitt sieben Informationsquellen, 45 % fragten auch eine KI (Gartner 2026).
Das alles siehst du von außen nicht. Raten hilft wenig: Wer sich in andere hineinversetzt, liegt nicht öfter richtig. Genauer wird es, wenn man nachfragt (Eyal, Steffel & Epley 2018). Frag deshalb, wer noch beteiligt ist und wie so etwas bei deinem Gegenüber sonst abläuft (Fitzpatrick 2013). Warte damit nicht bis kurz vor dem Angebot.
Damit es kein Verhör wird, helfen drei Regeln: wenige offene Fragen statt Ja-oder-Nein-Fragen, eine nach der anderen, und erst dann, wenn das Problem klar ist.
So geht es
Das Gesamtbild hat drei Bereiche. Für jeden reicht oft eine Frage.
- Was dein Gegenüber schon kennt: „Was haben Sie sich dazu schon angeschaut?“ So musst du nicht bei null anfangen. Und du erfährst, womit du verglichen wirst.
- Wer noch beteiligt ist: „Wer müsste außer Ihnen noch draufschauen?“ Danach: „Was wäre dieser Person wichtig?“ Vor dem nächsten Gespräch kannst du die Genannten auf LinkedIn nachschlagen.
- Wie es intern weitergeht: „Wie würden Sie das intern erklären?“ Oder: „Wie lief es bei der letzten Anschaffung dieser Größe?“ Wie Fragen nach dem letzten Mal funktionieren, zeigt die Lektion Fragen nach dem letzten Mal.
Stell diese Fragen nicht gleich am Anfang. Erst wenn ihr das Problem verstanden habt, fühlen sie sich wie Hilfe an und nicht wie eine Prüfung. Und wenn dein Gegenüber zögert, sag, warum du fragst: „Ich frage, damit ich Ihnen nichts schicke, das intern nicht weiterhilft.“
Probier es aus: Welche Frage klingt nach Gespräch, nicht nach Verhör?
Nina ist Account Executive bei einem Software-Anbieter für Einkaufsprozesse. Sie spricht mit Frau Keller, Leiterin Einkauf bei einem Maschinenbauer. Das Problem ist klar, jetzt will Nina das Gesamtbild verstehen.
Beteiligte
Vorwissen
Weg
Wann passt es nicht?
- Wenn du mit der Inhaberin oder dem Inhaber einer sehr kleinen Firma sprichst, reicht oft eine Frage: „Gibt es noch jemanden, mit dem Sie das besprechen?“
- Wenn dein Gegenüber selbst schon erzählt, wie es intern weitergeht, frag nicht alle drei Bereiche ab. Frag nur nach dem, was noch fehlt.
- Wenn du schon alles weißt, etwa aus einem früheren Gespräch, frag nicht noch einmal. Bestätige kurz, was du weißt, und frag, ob sich etwas geändert hat.
Kurz prüfen
Warum fragst du nicht einfach „Wer entscheidet?“
Weil die Frage nach Macht klingt. Viele antworten dann „Ich“, auch wenn andere mitreden. „Wer müsste noch draufschauen?“ lässt sich ehrlicher beantworten.
Welche drei Bereiche gehören zum Gesamtbild?
Was dein Gegenüber schon kennt, wer noch beteiligt ist und wie es intern weitergeht.
Wie vermeidest du, dass es sich wie ein Verhör anfühlt?
Wenige Fragen, eine nach der anderen, und erst wenn das Problem klar ist. Wenn dein Gegenüber zögert, sag, warum du fragst.
Dein nächster Schritt
Dein Wenn-dann-Plan fürs nächste Gespräch
Welche Frage passt zu deinem nächsten Gespräch?
Nach dem Gespräch: Von welchen Beteiligten weißt du jetzt, die du vorher nicht kanntest? Was wäre ihnen wichtig?
Dein Fortschritt
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Quellen und Hinweise
- Eyal, T., Steffel, M. & Epley, N. (2018): Perspective mistaking: Accurately understanding the mind of another requires getting perspective, not taking perspective. Journal of Personality and Social Psychology, 114(4), 547–571. Zur Quelle
- Fitzpatrick, R. (2013): The Mom Test. How to talk to customers and learn if your business is a good idea when everyone is lying to you. Praktikerbuch. Zur Quelle
- Gartner (2026): Gartner Survey Finds 69% of B2B Buyers Turn to Sales Reps to Validate AI-Generated Insights. Pressemitteilung, 20.05.2026; Befragung von 645 B2B-Käufer:innen, August bis September 2025. Zur Quelle
Alle Beispielszenen sind konstruiert und beschreiben keine realen Kund:innen oder Gespräche.